Gedanken zur aktuellen Auseinandersetzung mit Flüchtlingen

de Ich sag euch mal, was ich letzte Woche so gemacht habe: Ich bin gesund aufgewacht und habe mich über den Rasenmäher vor meinem Fenster aufgeregt. Ich bin zu meiner Arbeitsstätte gefahren, die mir gutes Geld für eine Tätigkeit, die mir Spaß macht, bezahlt. Ich bin mit meinem verkehrssicheren Auto über befestigte Straßen gefahren, habe Sachen gekauft, die ich wollte, aber nicht unbedingt brauchte. Ich habe Zeit mit tollen Menschen in vertrauter Atmosphäre verbracht. Ich habe mit einem Glas Wein bei lauen Temperaturen auf meinem Balkon gesessen, Musik gehört und mir Gedanken darüber gemacht, worüber ich mir jetzt Gedanken machen könnte. Ich hatte die Freiheit, die Sicherheit, die Umgebung, die Ruhe und die Zeit mich meinem vollen Seelenfrieden hinzugeben.

Jetzt sage ich euch, was ich letzte Woche nicht gemacht habe: Ich bin nicht von Kriegsgeräuschen wach geworden.

Ich bin auch nicht mit der Angst aufgewacht, meine Familie oder ich könnten sich heute mit einer tödlichen Krankheit infizieren. Ich bin nicht zur Arbeit gefahren mit dem Gedanken, ob mir oder meiner Familie im Laufe des Tages etwas grausames passieren könnte, wie schon so vielen anderen Familien um mich herum. Ich lag nicht nachts im Bett und habe gebetet, dass die Bomben mein Haus und meine Familie verschonen sollen. Ich habe mir nicht Gedanken machen müssen, welches meiner Kinder heute vom spärlichen Nahrungsvorrat essen darf. Ich musste nicht kilometerweit für „frisches“ Wasser laufen. Ich bin nicht von einer Terrororganisation, die im Namen eines Gottes unmenschliche Verbrechen begeht, bedroht worden. Meine Tochter ist gestern nicht entführt worden oder wurde von fremden Männern auch nicht dazu überredet, sich als Selbstmordattentäterin ins Paradies zu sprengen.

Die Diskussion über Flüchtlinge kann man auf vielen Wegen führen. Politisch, rechtlich und emotional. Allen Diskussionsarten sollte aber immer eine Sache gemein sein: Menschlichkeit.

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Weltweite Flüchtlingszahlen © UNHCR/unhcr.de

Es gibt knapp 60 Millionen Menschen, die ihr Zuhause verlassen müssen. Die wollen nicht. Die müssen. Das sind Zustände, die keiner, der diesen Blog liest, wohl jemals nachvollziehen könnte. Diese Menschen hatten bis vor ein paar Jahren vielleicht noch ein vollkommen normales Leben. Jetzt sind sie Flüchtlinge und kriegen von vielen Deutschen (und vielen Bürgern anderer Nationen) einen Stempel aufgesetzt. Warum ist mir vollkommen schleierhaft. Ich lese ständig, dass die ja gewalttätig werden. Dass die sich nicht integrieren und uns am Ende auf der Tasche liegen.

Perspektivwechsel: Bomben schlagen in der Nachbarstadt ein. Du packst alles was du besitzt und tragen kannst und flüchtest mit deiner Familie. Deutsche, Franzosen, Holländer, Italiener, Tschechen, Polen, Dänen, Schweden, alle sind in ihren Regionen nicht mehr sicher versuchen sich ins sichere Syrien zu retten. Die Tour dauert Wochen, wenn nicht Monate, aber irgendwann seid ihr an der Grenze zu Syrien. Der Umgang ist bedeutend härter geworden, man spürt, dass man mehr als unerwünscht ist. Durch weitere Fügungen schafft man es dann aber doch zu einem Flüchtlingslager. Es wurde vorgestern durch Anwohner in Brand gesteckt und ist unbewohnbar. Jetzt werden also Zelte aufgeschlagen.

Hier ist alles anders. Das Klima, die Fauna, die Menschen, die Sprache, das Essen, die Straßen, die Architektur, …  Nun lebst du also mit hunderten, tausenden anderen Menschen, deren Sprache du nicht sprichst mit deiner Familie in Not-Behausungen. Du hast kaum Kontakt nach außen, aber wenn, dann strafen dich verächtliche Blicke. Keiner fragt dich, wieso du hier bist, weil sie deine Sprache eh nicht verstehen, selbst wenn du sie verstehen könntest. Du erfährst quasi nichts, nicht wie lange ihr warten müsst, ob die Behausungen bald einer festen Architektur weichen werden, ob ihr hier bleiben dürft oder wie du jemals an Arbeit oder selbstorganisiertes Essen kommen sollst. Dass du nicht 3mal am Tag zu Allah betest, stößt den Bürgern des Landes ebenfalls sehr negativ auf. Das Recht auf religiöse Freiheit ist hier offensichtlich nicht gern gesehen. Die Steine, die ab und an ins Lager fliegen und die Skandierungen außerhalb der Zäune machen das ganze nicht erträglicher. Wieder ist deine Familie in Gefahr. 

Es gibt tatsächlich Menschen, die sich wundern, dass eine solche Behandlung nicht das Beste in Flüchtlingen, die in ihrem Leben schon schlimmeres erlebt haben, als 100 Durchschnittsdeutsche zusammen, hervorruft. Ursache und Wirkung. Es ist ein ganz einfaches Konzept. Und dazu gehört natürlich zum Einen der Umgang der deutschen Bevölkerung mit Flüchtlingen. Zum anderen muss die Politik ihre Arbeit tun und den Menschen Perspektiven geben. Ein Mensch, der zum Nichtstun verdammt ist, der nicht arbeiten darf, wenn er könnte, der kein Eigentum und keine Entscheidungsgewalt über irgendetwas hat, ist niemals ein zufriedener Mensch. Und nochmal: Die Flüchtlinge sind nicht freiwillig hier. Wer sagt „dann geht doch zurück“, der hat das einfach nicht verstanden und ist von unmessbarer Ignoranz bewandert.

Wenn ich mit meinem Auto in einem abgelegenen Teil Frankreichs liegen bleibe, nicht vor und nicht zurückkomme und dann von den wenigen umliegenden Anwohnern mit Steinen beworfen werde, die fordern, ich solle zurück gehen, während ich hilfebedürftig und ohne jede Möglichkeit zur sofortigen Lösung meiner Situation auf andere angewiesen bin – wer hat sich dann in dieser Situation unrühmlich verhalten? Ich, weil ich hilfebedürftig bin oder die umliegenden Anwohner, die, obwohl sie viele Wege und Mittel zur Hilfe haben, mich herabwürdigen und vertreiben?

Ich wiederhole: Die Flüchtlingsfrage ist eine Frage der Menschlichkeit. Sehe ich mich in meiner privilegierten Position als ein Mensch höherer Klasse, der von Menschen, die unfassbare Schicksale erleiden mussten, die sie sich nicht ausgesucht haben? Der über diese selbstbestimmte Position das Recht erhebt, eben jene Menschen herabzuwürdigen? Das hat nichts mehr mit Angst vor gewalttätigen Flüchtlingen zu tun. Das ist Nationalismus in Reinform. Genau genommen, exklusiver Nationalismus in Reinform. „Exklusiver Nationalismus ist gekennzeichnet durch ein übersteigertes Wertgefühl, das in Abgrenzung zu anderen Staaten oder Nationen die eigenen nationalen Eigenschaften überhöht bzw. sie anderen gegenüber als höherrangig ansieht.“ (Gisela Riescher: Nationalismus. In: Dieter Nohlen und Rainer-Olaf Schultze (Hrsg.): Lexikon der Politikwissenschaft, Bd. 2: N–Z. Theorie, Methoden, Begriffe. Beck, München 2005, S. 599.)

An dem Punkt waren wir übrigens schon mal. Und nicht selten beginnen Flüchtlingsdiskussionen ja mit „Ich bin ja kein Nazi, aber …“ – nun. Ok, dann bist du halt kein Nazi, aber ein Nationalist (klingt gaaaanz anders!).

Mir ist vollkommen bewusst, dass es tausende offene Fragen und Aufgaben gibt, die beantwortet oder erledigt werden müssen, bis wir Flüchtlingen hier tatsächlich ein würdevolles Leben anbieten können. Aber dass wir, als Bundesrepublik Deutschland, dazu nicht in der Lage sind, ist nicht der Fehler der Flüchtlinge. Das ist ein politisches Thema, was immer und immer wieder verschleppt wird. Ein einzelner Bürger, auch eine Gemeinde alleine kann Flüchtlingsfamilien nicht helfen. Der Staat muss dazu die Mittel bereit stellen und Programme etablieren, die Menschen, die bereits ein Leben in einer anderen Kultur hatten, was sie zurück lassen mussten, ein neues Leben, was sie wieder erfüllt, bieten kann.

Jetzt haben sich die Menschen schon bis hier her durchgekämpft und jetzt wird wieder ein Kampf auf ihrem Rücken ausgetragen. Das kann und darf nicht sein. Man kann Menschen nicht für etwas verantwortlich machen, auf was sie keinen Einfluss hatten. Wir auf der anderen Seite, mit einem Leben, was statistisch gesehen eine Minderheit auf der Welt so friedvoll und erfüllt leben kann, sind in unserem Überfluss noch nicht mal in der Lage, Menschlichkeit zu zeigen? Wir werden in unserem Leben die schrecklichen und grausamen Dinge nur im Fernseher beobachten müssen. Was für uns schrecklich und grausam ist, ist offensichtlich eine vertriebene Familie in der Nachbarschaft begrüßen zu müssen. Wenn das unsere größten Probleme sind, geht es uns echt zu gut. Nutzt euren Seelenfrieden um mal zu reflektieren, was wir haben und anderen bieten können, die alles verloren haben. Ihr müsst dazu ja nicht mal was machen. Zum Beispiel Flüchtlingsunterkünfte NICHT anzünden, wäre total hilfreich. Oder Steine NICHT auf Flüchtlinge werfen. Oder auch ne nette Idee: Flüchtlinge NICHT zusammenschlagen.

Wenn ihr etwas machen müsst, dann nutzt die Energie, den Politikern zu sagen, dass hier unmenschliche Zustände für Flüchtlinge herrschen, die schnellstmöglich beseitigt werden müssen. Wir Deutschen haben das Glück und den Wohlstand nicht gepachtet. Er gehört nicht uns. Wir haben ihn uns erarbeitet bzw. konnten ihn uns erarbeiten, weil man auch uns menschlich entgegen getreten ist, nachdem wir es am wenigsten verdient hatten. Wir haben Gesetze und die moralische Verpflichtung Menschen zu helfen. Vor über 80 Jahren hätte man mit den verächtlichen Aktionen, die heute gegen Flüchtlinge stattfinden, mit oder für das Gesetz gehandelt. Heute handelt man dagegen. Das ist der große Unterschied. Per Gesetz ist das Land nicht nur für Deutsche da. Gewöhnt euch dran oder geht. Gibt genug Länder, die sich nationalistisch isolieren. Da seid ihr ganz bestimmt Willkommen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Behandle andere, wie du auch behandelst werden möchtest.

Kategorie(n): Blog

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