Über das Selbstverständnis der USA – Teil II

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Hier folgt der zweite Teil meiner Auffassung zum Selbstverständnis der USA.

Übersicht des 2. Teils:

  • Das Ding mit der Krankenversicherung
  • Die Weltpolizei und ihr Selbsterhaltungstrieb
  • Die Amerikaner sind stolz auf ihre Soldaten
  • Das Waffenrecht
  • Die mangelnde kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte
  • Übrigens: Was wir als oberflächlich bewerten

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Das Ding mit der Krankenversicherung

Wie weiter oben schon mal angeschnitten, ist das Thema der Krankenversicherung ein extrem kontroverses in den USA. Die Regierung soll und darf nach Ermessen vieler Amerikaner nicht Geld aus den Taschen der hart arbeitenden Bevölkerung nehmen, sie in einen Topf werfen und andere davon profitieren lassen. Das Verständnis ist, dass man für sich selbst verantwortlich ist und wer Krebs kriegt, muss halt schauen, wie er den geheilt kriegt. Viele Amerikaner verbitten sich die Freiheit der Regierung, zu entscheiden, dass man eine Krankenversicherung haben soll. Das markiert einen riesigen Einschnitt in die eigene Freiheit und Selbstbestimmung. Was für viele europäische Nationen undenkbar ist, ist für den Amerikaner eins seiner höchsten Güter. Der Gedanke ist, dass wenn die Regierung von einem verlangt, dass man sein Geld für andere ausgibt, dann ist man einen Schritt vor dem Sozialismus und wie wir alle wissen ist Sozialismus quasi Kommunismus und damit das genaue Gegenteil von allem, wofür Amerika steht.

Die Weltpolizei und ihr Selbsterhaltungstrieb

Bis zum Sieg der Allierten über Deutschland hatten sich die Amerikaner nur in Kriege bzw. die Außenpolitik eingemischt, die sie unmittelbar betraf. Sei es, weil es um Länder auf dem amerikanischen Kontinent ging (siehe Monroe-Doktrin), weil ihnen unmittelbare Gefahr drohte (1. Weltkrieg) oder weil sie bereits angegriffen wurden (2. Weltkrieg). Mit dem Beginn des Kalten Krieges änderte sich das gesamte Gefüge der Welt. Es gab quasi nur noch Kommunismus oder Demokratie, wie sie die USA im besten Fall vorlebten. USA, weil sie die Gefahr des Kommunismus so empor hoben, arbeiteten unermüdlich daran, dass sich die rote Gefahr nicht weiter ausbreitet. Mit diesen Anstrengungen vereinnahmten sie für sich die Führungsrolle der freien, westlichen, demokratischen Welt. Geboren wurde dies ja im Endeffekt aus der Angst vor dem Kommunismus und der Überzeugung, dass das eigene politische System das einzig Wahre ist. Da man sich nun einmal in diese Rolle gearbeitet hatte, konnte man dieses selbsternannte Amt fortan auch nicht mehr ablegen. Die Einmischung in allerlei Länder, Regionen, Regierungen und Konflikte, bei denen im Kern Kommunismus und Demokratie kämpften war Gang und Gäbe und wurde von der Welt auch entsprechend dankbar aufgenommen.

Seit der Kommunismus aber ausgelöscht ist, scheint der Auftrag der Amerikaner aber nicht erloschen. Zwar gibt es die rote Gefahr nicht mehr, aber es gibt trotzdem jede Menge unamerikanischer Länder, Regionen, Regierungen und Gesellschaftsformen. Ob diese nun eine Gefahr für die amerikanischen Grenzen bedeutet oder nicht, spielte keine Rolle. Mit dem Erfolg des Sieges über den Kommunismus scheint man sich der Sache sicher zu sein, dass man überall in der Welt „Frieden“, „Freiheit“ und „Demokratie“ einführen könne – und sei es mit Gewalt. Amerikaner glauben, glaube ich, wirklich, dass es unamerikanisch wäre, diesen Länder nicht zu „helfen“. Und sie sind, glaube ich auch, wirklich davon überzeugt, dass sie dort helfen. Ich gehe soweit zu sagen, dass für die Amerikaner zählt, dass der Wille einer Aktion amerikanisch ist. Dann sind auch die Mittel zur Durchsetzung des Willen amerikanisch. Die Durchsetzung von „Frieden“, „Freiheit“ und „Demokratie“ sind (manchmal glaubt man gar exklusiv) amerkanisch und wenn man diese Werte in die Welt trägt, ist es egal wie. Wenn amerikanische Soldaten ihr Leben dafür aufs Spiel setzen, dann ist es gerechtfertigt.

Die Amerikaner sind stolz auf ihre Soldaten

Es gibt nicht viel, wo sich die Amerikaner quasi unisono einig sind. Heutzutage gibt es quasi nichts, wo sich Republikaner und Demokraten je einig sind. Aber wenn es um Respekt gegenüber ihren Soldaten geht, lässt sich niemand zu unamerikanischen Kommentaren hinreissen. Selbst Pazifisten würden vermutlich eher gar nichts sagen, als Soldaten oder ihren Dienst zu verschmähen. Das eigene Militär ist der Stolz der Amerikaner. Ihr Dienst ist per Definition ur-amerikanisch. Wer gegen den Krieg ist, ist trotzdem noch voller Respekt für die Soldaten, die ihn führen. Es gibt allein zwei Feiertage, die Gefallenen (Veterans Day) oder generell allen Kriegsveteranen gewidmet sind. Wer Amerikaner in seinem Facebook hat, wird wissen, mit welchem Pathos diese Feiertage zur Schau getragen werden.

Die Soldaten sind diejenigen, die ihr Leben für die Freiheit ihres Landes aufs Spiel setzen. Das ist der Grundsatz, der immer wieder zur Sprache kommt. Und wenn man bedenkt, dass man sich freiwillig zum Militär meldet und man die schiere Größe des amerikanischen Militärs betrachtet, sind das verdammt viele, die sich dieser Gefahr freiwillig aussetzen. Ja, einige davon tun das, weil das eine Chance ist, einen stabilen Job zu haben. Andere, weil ihnen glaubhaft vermittelt wird, sie würden die Welt zu Gesicht bekommen und dann gibt es solche, die wirklich aus dem Brustton der Überzeugung alles in ihrer Macht stehende tun würden, um ihre Vereinigten Staaten von Amerika zu verteidigen. Während wir deutschen Soldaten meist entweder mit Ignoranz oder Abneigung entgegen treten, gibt es in Amerika nichts unamerikanischeres als Soldaten zu ignorieren, nicht zu sprechen davon, wenn man sie herabwürdigen würde.

Woher diese tiefe Verbundenheit mit dem eigenen Militär kommt, kann ich nicht wirklich belegen. Ich kann das nur wieder mit den frühen Zeiten in Verbindung bringen, wo man sich zu einer Nation gekämpft hat, ohne dass man ein Militär hatte. Allein mit Freiwilligen, die gegen die englische Armee antrat, konnte man seine Freiheit und Unabhängigkeit verteidigen und sich den besten Weg zu den Vereinigten Staaten von Amerika ebnen. Das heißt, ohne freiwilligen Kriegsdienst und volle Aufopferung gäbe es das Land aus ihrer Sicht so in der Form nicht. Jeder, der also weiterhin für die Erhaltung der eigenen Freiheiten eintritt, gebührt daher höchster Respekt. Während vor einigen hundert Jahren die Freiheit aber wirklich in Gefahr geriet, ist diese Angst heute eigentlich unrealistisch. Das macht aber keinen Unterschied. Wie schon vorher beschrieben, ist die amerikanische Ideologie alle paar Jahrzehnte ein dehnbarer Begriff. Und so wurden mittlerweile Kriegszwecke gerechtfertigt, die niemand mehr ausser den USA verstehen. Sie sind trotzdem amerikanisch und damit wert verteidigt zu werden.

Das Waffenrecht

Eines der kontroversesten Themen, die man hierzulande in Bezug auf die USA diskutieren kann, ist das Waffenrecht. Wobei man sie hier nicht wirklich diskutiert. Hier ist jeder der Meinung, dass es absolut hirnkrank ist, jedem zu erlauben, eine Waffe zu besitzen. Die Amerikaner können unsere „Argumente“ dafür in keinster Weise nachvollziehen. Ihr Ausgangspunkt für die Rechtfertigung von Waffen für US-Bürger ist die, die auch im entsprechenden Verfassungszusatz im Grundgesetz der USA steht: „A well regulated Militia, being necessary to the security of a free State, the right of the people to keep and bear Arms, shall not be infringed.” Übersetzt: „Da eine wohlgeordnete Miliz für die Sicherheit eines freien Staates notwendig ist, darf das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen, nicht beeinträchtigt werden.“ Ja, ernsthaft. Die tief verwurzelte Erklärung für das Recht zum Besitzen von Waffen ist, dass eine „wohlgeordnete Miliz“ sich im Falle eines Falles gegen die Regierung wehren könnten sollte und da eine Regierung über Militär und Polizei verfügt, könnten unbewaffnete Bürger ja niemals etwas erwirken. Daher müssen US-Bürger bewaffnet sein dürfen, falls sie sich einmal gewaltsam gegen ihre Regierung erheben müssten. Wohlgemerkt, diese Miliz soll doch aber „wohlgeordnet“ sein, was laut einem Beschluss des Obersten Gerichtshofes bedeutet, dass man als Teil dieser Miliz die Pflicht hat „eine angemessene Disziplin und Training zu besitzen“.

Jetzt klingt das total banane. Die Amerikaner meinen das aber wirklich ernst. Das tief verwurzelte Misstrauen in die Regierung spielt da rigoros mit rein. Wir erinnern uns. Die Amerikaner haben vor vielen äußeren Einflüssen Angst und auch davor, dass die Regierung sie nicht davor beschützen kann. Gleichzeitig haben sie ein unzerbrechliches Vertrauen in das Militär, was jetzt etwas zwiespältig wirkt. Aber bisher wurde das eigene Militär nur für amerikanische Zwecke eingesetzt und damit gehen sie immer d’accord. Was aber, wenn die Soldaten plötzlich gegen das eigene Volk eingesetzt werden, z.B. um aufgebrachte Mengen einzudämmen und unbeliebte Reformen durchzusetzen? Total abwegige Gedanken, aber für viele Amerikaner durchaus eine Angst. Und wenn dieser Tag kommt, sollte man sich ja wohl wehren dürfen. Und die Regierung darf dieses Gesetz niemals ausser Kraft setzen, weil sie sich ja sonst selbst den Freifahrtsschein ausschreibt, gewaltsame Aufstände sofort unterdrücken zu können, da das Volk nicht bewaffnet ist. Sollte eine Regierung dies jemals durchsetzen wollen, ist so ein Aufstand quasi vorprogrammiert, da eine Regierung doch keinen Grund hätte, sein Volk zu entwaffnen, wenn sie nicht Angst davor hätte, dass sie davon überrannt würden. Dass der Besitz von Waffen einfach unheimlich vielen Menschen das Leben nimmt, ist ein vollkommen sekundärer Gedanke. Von Waffenbesitzern wird erwartet, dass sie alle geltenden Gesetze einhalten und die Waffe, sofern gesetzlich erlaubt, nur zum Training oder zur Selbstverteidigung benutzen. Selbstverteidigung ist aber leider auch ein (aus deutscher Sicht) seeehr dehnbarer Begriff in den USA.

Es gibt einen Fall in den USA, da hat eine Frau, als sie von ihrem getrennt lebenden Mann, der als gewalttätig gemeldet war, angegriffen wurde, mit ihrer registrierten Waffe in die Decke geschossen, um einen Warnschuss abzugeben, dass der Mann sich entfernen soll. Diese Frau (im Übrigen auch Mutter, das Kind war auch im Haus anwesend, aber nicht durch die Waffe gefährdet) hat eine deftige Haftstrafe aufgebrumt bekommen, weil sie die Waffe nicht zur Selbstverteidigung (das heißt, gegen den Angreifer direkt) benutzt hat, sondern für einen Warnschuss. Und Warnschüsse waren in dem Staat gerade nicht erlaubt. Damit fiel der Schuss, der nicht auf ihren Mann gerichtet war unter allgemeine Gefährdung, auch wenn über ihr niemand war. Ergebnis war: Die Frau wurde nicht länger angegriffen, aber hat eine Haftstrafe bekommen. Im Fall von George Zimmermann, der den unbewaffneten Trayvon Martin auf offener Straße, in einer ruhigen Nachbarschaft, erschoss, erging ein Freispruch für den Schützen, weil er im Sinne der Selbstverteidigung gehandelt hat.

Jeeeeeeedenfalls: Die Einhaltung von Gesetzen, auch mit Waffenbesitz wird von jedem gefordert. Das Argument hierbei ist auch, dass Waffen keine Menschen töten; Menschen töten Menschen. Das Argument kann durch Mord-Statistiken anschaut von Ländern entkräftet werden , in denen es keinen legalen Besitz von Waffen gibt. Auch das Argument stößt aber auf taube Ohren. Ich habe es einmal so zusammengefasst: „Die Freiheit für den vollkommen unrealistischen Fall eine bewaffnete Miliz gegen die Regierung formen zu können, wiegt also mehr, als meine Wunsch nach Freiheit, in der ich nicht fürchten muss, dass meine Familie oder ich durch eine Waffe verletzt oder getötet werden – was im Übrigen sehr viel wahrscheinlicher ist, als z.B. durch islamistischen Terror verletzt oder getötet zu werden?“ Mein Gegenüber nickte nur.

Die mangelnde kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte

Was gerade Deutschen auffallen dürfte, ist die extrem unkritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Während wir zum Thema 2. Weltkrieg unter der Tür durchkriechen, können Amerikaner ganz befreit vom Vietnamkrieg oder Irakkrieg erzählen ohne jemals auf Kriegsverbrechen zu sprechen zu kommen, zu denen sie sagen müssten, dass sie das nicht in Ordnung fänden. Würde man sie darauf ansprechen, wäre bei vielen eh die ehrliche Antwort, dass sie davon nicht wirklich eine Ahnung haben, weil ihnen das in der Schule nie vermittelt wurde. Gerade letztens gab es den Vorschlag den Geschichtsunterricht an Schulen doch etwas zu überarbeiten und auch Fehler und Mängel in der amerikanischen Geschichte herauszustellen. Die Vertreibung bzw. Abschlachtung von Indianern oder die Sklaverei werden zwar als dunkle Kapitel angesprochen, aber immer mit dem Nachton, dass man diese ja überwunden hat und gestärkt aus der Geschichte rausgegangen ist. Nun sollten solche Kapitel also z.B. mal ehrlicher aufgearbeitet werden und den Schülern vermittelt werden, dass die USA nicht immer großartig und unfehlbar waren (so oder so ähnlich ist der Geschichtsunterricht tatsächlich aufgebaut). Dies wurde, natürlich vorwiegend in den Südstaaten, natürlich abgeschmettert. Begründung: Der American Exceptionalism gehört in den Geschichtsunterricht. Bedeutet: Die Geschichte, wieso Amerika wurde, was es ist (ein großartiges, amerikanisches Land) muss im Geschichtsunterricht eben genau so vermittelt werden. Man darf diesen Geschichtsunterricht jetzt nicht als Propaganda verstehen, aber dunkle Kapitel werden eben eher oberflächlich angeschnitten, da der Weg der USA zur Weltmacht eher im Mittelpunkt steht, als die Fehlbarkeiten. Wir Deutschen sind da vielleicht auch das falsche Volk, das nachzuvollziehen. Wenn wir unsere Geschichte erzählen, legen wir einen großen Fokus auf unsere Fehlbarkeiten, weil genau das erzählt, warum wir jetzt sind, wer wir sind. Bei den Amerikanern ist das eben andersrum.

Übrigens: Was wir als oberflächlich bewerten

Etwas, was jetzt weniger mit dem Selbstverständnis der USA zu tun hat, sondern eher eine Verhaltensweise der Amerikaner erklären soll, will ich noch kurz als Zusatzkapitel hinzufügen. Aus unserer Warte empfinden wir Amerikaner als sehr oberflächlich. Ich tat das auch für lange Zeit, selbst als ich schon nicht mehr in den USA gelebt habe. Irgendwann habe ich dann aber mal einen Artikel darüber gefunden. Die Amerikaner sind nicht oberflächlich, sondern außerordentlich höflich. Diese Höflichkeit gebietet, dass man zu allen Fremden nett ist und man eben den entsprechenden Smalltalk pflegt. Für einen Amerikaner ist es unter normalen Umständen auch undenkbar, einfach mit einem Fremden über Politik oder andere kontroverse Themen zu diskutieren. Das wäre unhöflich, weil man dort eben sehr ehrlich und direkt vorgehen würde und der höfliche Umgang bedingt, dass man sich freundlich benimmt. Trotzdem konnte ich mir nicht erklären, warum den Amerikanern diese Höflichkeit so wichtig ist. Bis ich letztens einen Artikel darüber fand, der erklärte, dass Amerikaner durch die schiere Größe ihres Landes ständig mit Reisenden, Touristen, Immigranten oder Bürgern aus anderen Teilen des Landes in Berührung kamen und ein freundlicher Umgang sich einfach gebührte. Die Amerikaner ziehen sehr häufig um, sie selbst freut es, wenn sie freundlich begrüßt werden in ihrer neuen Umgebung. Dies ist einfach allen in Mark und Bein übergegangen. Interessant wird, wenn sich tiefere Freundschaften formen. Die Amerikaner sind so auf ihre Höflichkeit und Freundlichkeit eingestellt, dass es ihnen schwer fällt, einzuschätzen, wann sie aus diesen Mustern ausbrechen können. Deswegen fühlen sie sich auch so unwohl mit der Direktheit und Ehrlichkeit der Deutschen. Dann, wenn wir anfangen tacheless zu reden (also nach 5 Minuten), sind die Amerikaner noch lange nicht an dem Punkt angekommen. Ich hatte mir daher angewöhnt, vor dem Aussprechen meiner ehrlichen, direkten Meinung immer das Einverständnis aller Anwesenden einzuholen, ob sie damit jetzt einverstanden wären. Dann tauen sie nach und nach auch auf.

Kategorie(n): Geschichte

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