Über das Selbstverständnis der USA – Teil I

de Seit ich ein wenig Zeit in den USA verbracht habe, ist meine vorher unbändige Faszination über dieses Land einer sehr nüchternen Realität gewichen. Die Realität setzt sich zum Einen aus dem selbst erlebten ab, zum anderen aus zahllosen Artikeln, Büchern oder Essays. Da aber gerade die normalen Zeitungsartikel aber nicht tief genug gingen, habe ich selbst angefangen, mich in das Thema einzulesen und so herauszufinden, wieso meine Vorstellung und meine Realität der USA so auseinanderklaffen. Im Kern wollte ich die Frage beantworten, warum ein hochziviliertes Land so viele Dinge aus tiefster Überzeugung anders macht, als die meisten europäischen (und ebenfalls hochzivilisierten) Länder. Ich empfand die kulturelle Differenz zwischen Amerika und Europa vorher als sehr gering. Anders zum Beispiel als zu Asien, Russland oder Südamerika.

Nach ein paar Büchern, Magazinen, Essays und Artikeln glaube ich, ein Stück weit ein Verständnis für die Amerikaner zu haben und warum sie wurden, was sie sind (eine Buchempfehlung, die ich hier mal explizit aussprechen möchte). Da es mir schon immer geholfen hat, Dinge aufzuschreiben (da man dafür die vielen Gedanken in eine Struktur bringen muss) und weil Dinge von der Hand/Tastatur in den Verstand gehen, gibts dazu jetzt also einen zweiteiligen Artikel hier. So, damit diese Struktur auch Sinn macht, muss man ja erstmal was zur Vorgeschichte sagen. Daher hilft es, erst meinen „kurzen“ „Abriss“ (und wenn ich kurz sage, meine ich: 10 Word-Seiten Emoji Smiley-23) über die Geschichte der USA zu lesen, wenn man mit dieser nicht so bewandert ist. Dann machen die restlichen Ausführungen hoffentlich auch etwas Sinn Emoji Smiley-01 Bei diesem Text, wie auch der Zusammenfassung der Geschichte ist zu beachten, dass ich keinen neutralen Ton anschlage. Meine Auffassung kann gut und gerne mit pro-amerikanischen Auffassungen kollidieren. Auch wenn ich nicht anti-amerikanisch bin, so erlaube ich mir zu manchen Dingen einfach eine feste Meinung.

Ich habe die Textflut mal wieder in zwei Teile aufgeteilt. Hier mal kurz die Agenda:

1. Teil:

  • Die Grundsätze von Amerika: Freiheit & Unabhängigkeit
  • Ideologie statt Geschichte
  • Amerikanisch vs. Unamerikanisch
  • Eine starke Nation mit möglichst wenig Reg(ul)ierung
  • Manifest Destiny, Sklaverei und Rassismus

2. Teil →:

  • Das Ding mit der Krankenversicherung
  • Die Weltpolizei und ihr Selbsterhaltungstrieb
  • Die Amerikaner sind stolz auf ihre Soldaten
  • Das Waffenrecht
  • Die mangelnde kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte
  • Übrigens: Was wir als oberflächlich bewerten

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Die Grundsätze von Amerika: Freiheit & Unabhängigkeit

Was die Pilgerväter in Amerika ja suchten bzw. erhofften, waren im Kern Freiheit und Unabhängigkeit. Freiheit zur Selbstbestimmung, Freiheit ihren Glauben auszuleben und die Freiheit unabhängig zu sein. Die Unabhängigkeit von einer Regierung bzw. einer Obrigkeit außer Gott lag ihnen ebenso am Herzen, wie die Unabhängigkeit, sich selbst versorgen zu können und dürfen. Gerade die Puritaner waren eine Glaubensgemeinschaft, die sich von anderen abkapselte und unter sich alle Dinge regelte. Und das konnten sie nun in Amerika endlich tun.

Selbstverständnis durch Ideologie statt Geschichte

Die Amerikaner sind ein verhältnismäßig junges Land. Auch wenn 400 Jahre nach einer Menge klingen, die europäischen Wurzeln eines jeden Landes reichen deutlich weiter in die Vergangenheit. Deutschland zum Beispiel war erst mal eine riesige Ansammlung von kleinen Stämmen und Völkern, die so einiges durchlebten. Nach sehr langer Zeit dachten sich diese dann, dass man sich ja mal zusammenraufen könnte, um stärker zu sein gegen andere Nationen. Zwischendrin gab es dann noch ordentlich Gezanke wegen Religion und dann gab es irgendwann Kaiser, dann hatten wir das mit einer normalen Regierung so langsam mal raus, dann hat einer den Idiotenknopf gedrückt und Gesamtdeutschland war eine Zeit lang eine bloße Anhäufung von (Verzeihung!) Vollidioten mit absurden Weltmachtvorstellungen und menschenverachtendem Völkerverständnis. Seitdem haben wir uns im Griff und ein Verständnis für das Land, was wir sein wollen, gefunden.

Bei den Amerikanern ist ja auch einiges passiert (siehe mein „kurzer“ Abriss über ihre Geschichte), aber das Land musste sich viel schneller zusammenraufen und eine Identifikation finden, als andere Nationen das taten. In einem Artikel habe ich mal das Zitat von G. K. Chesterton gelesen, der sagte: „America is the only nation in the world that is founded on a creed. That creed is set forth with dogmatic and even theological lucidity in the Declaration of Independence.“ Übersetzt: Amerika ist die einzige Nation der Welt, die sich auf Basis eines Credos geformt hat. Dieses Credo wurde daher auch mit rechthaberischer und sogar theologischer Deutlichkeit in die Unabhängigkeitserklärung eingearbeitet“. Was es also besagt ist, dass diese Nation sich nicht aufgrund äußerer Umstände zusammenfand und über Jahrhunderte hinweg zu sich fand und dieses nun als Selbstverständlichkeit hinnimmt. Sondern die Ideen, die die Pilgerväter schon hatten und zu einer lebensfähigen Ideologie formten, wurde in ein Stück Papier übernommen, was nun der Inbegriff von Amerika ist.

Amerikanisch vs. Unamerikanisch

Deswegen ist es auch möglich unamerikanisch zu sein. Man braucht nur mit der grundlegenden Ideologie der Nation nicht übereinstimmen. Gleichzeitig gibt es die Begriffe undeutsch oder unschwedisch nicht. Das Nationalgefühl europäischer Staaten ist historisch gewachsen. Ein Schwede ist jemand, mit schwedischer Nationalität. Von einem Amerikaner wird erwartet, dass er amerikanisch ist. Ein unamerikanischer Amerikaner stößt in seinem Land auf sehr viel Widerstand. Derweil kann ein Chinese auch amerikanisch sein, ohne einen amerikanischen Pass zu haben. Sofern er das Credo der Amerikaner teilt, wird er in vielen Teilen als vollwertiger Amerikaner angesehen.

Diese Haltung erklärt meiner Meinung nach auch die veränderte Meinung über Amerika in der Welt. Nach dem Krieg war die erklärte Haltung, dass man als aufrechte Demokratie dem Kommunismus entgegen treten müsse. Ein Großteil der Welt ging damit d’accord und war daher entweder aktiver oder passiver Unterstützer der USA. Die Meinung änderte sich aber langsam, als man anfing seine Interpretation von Durchsetzung von Demokratie (Reagan-Doktrin, die x Angriffe, Kriege, Interventionen, die Clinton startete) etwas abzuwandeln und sich in Dinge einzumischen, die der Rest der Welt so nicht unterstützt hätte. Amerika hatte also seine Ideologie wieder etwas abgeändert, was für das amerikanische Volk sinnvoll und bedeutsam war, für den Rest der Welt wiederum nichts mit dem zu tun hat, was sie unter Bewahrung von demokratischen Werten in der Welt verstehen würden. Noch schlimmer wurde es, als nach dem 11. September 2001 der Krieg gegen den Terror begann und mit der Bush-Doktrin die Rechtfertigung für die USA bestand, quasi jeden Staat, bei dem man eine Gefährdung vermutete, präventiv angreifen zu dürfen. Diese völkerrechtlich höchst fragwürdige Einstellung war endgültig ein Auseinanderdriften der freien, demokratischen USA und der (ebenfalls) freien, demokratischen Welt. Zwar zeigt sich innerhalb der USA schon ein Widerstand gegen diese Selbstauffassung gegenüber der Welt, aber für viele Amerikaner ist eben dieses Verhalten amerikanisch und notwendig. Für sie ist es nicht zu verstehen, wie man dieser amerikanischen Ideologie nicht folgen könne. Für Nationen, die sich ihre Demokratie und ihre Freiheit lange historisch erarbeitet haben und dieses Selbstverständnis auch nicht 3 mal im Jahrhundert abändern oder erweitern, ist wiederum das mittlerweile etablierte Selbstverständnis der USA mit ihren Werten nicht mehr deckungsgleich.

Eine starke Nation mit möglichst wenig Reg(ul)ierung

Wieder einmal fußt ein weiteres Merkmal der Amerikaner auf die Anfangszeit, als die Pilgerväter auszogen, das neue Land zu beziehen. Der Grundsatz, dass man seine eigene Gemeinschaft gründen möchte, ohne neben Gott einer weiteren Obrigkeit zu dienen stand immer an oberster Stelle. Dieser Grundsatz beruhte auf dem tiefen Misstrauen der Pilgerväter in die Regierung Englands, die dem Glauben der Puritaner entgegenstanden, aber trotzdem Steuern, etc. von ihnen erwarteten. Dieses tiefe Misstrauen zieht sich bis heute durch Amerika. Gestützt wird es auch dadurch, dass sich die amerikanische Regierung und ihre Gesetze verhältnismäßig wenig z.B. in die Wirtschaft einmischt und auch soziale Reformen sah man bis Obama auch kaum. Die Amerikaner haben bis vor kurzem dem Kapitalismus vollkommen freie Hand gelassen. Erst seit dem Platzen der Immobilienblase und dem Bankrott der Banken und alles, was da reinspielte, wird aus der Not geboren eine gewisse Regulierung der Finanzinstitute angestrebt.

Dieses tiefe Misstrauen äußert sich darin, dass eine zu starke Involvierung der Regierung in die Geschicke der Menschen und der Wirtschaft ihnen am Ende ihre Freiheit und Unabhängigkeit nehmen würde. Das Argument, dass beispielsweise eine Krankenversicherung doch nur Vorteile hat, da man in der Lage ist sich und seine Familie medizinisch zu versorgen, ohne dabei pleite zu gehen, hat mich einmal in einen schlimmen, beinahe handgreiflichen Streit mit einem Amerikaner (der übrigens ein Freund/Nachbar war) gebracht. Sein Argument: Wenn ich krank werde, ist das mein Problem. Wenn jemand anders krank wird, ist das deren Problem. Ich zahle nicht von meinem Geld in einen Topf ein, damit andere gesund werden können. In Amerika sorgt man für sich selbst und die Regierung hat nicht vorzuschreiben, dass man sich an einer Krankenversicherung beteiligen muss. Das soll jeder für sich entscheiden. Die Vorteile einer Krankenversicherung werden im Kern negiert, durch das (aus amerikanischer Sicht) nicht tolerierbare Eingreifen der Regierung in die eigene Selbstbestimmung. Aus meinen Gesprächen damals war auch immer klar rauszuhören, dass für Amerikaner eine Sozialdemokratie und eine soziale Marktwirtschaft dasselbe ist, wie Sozialismus. Und Sozialismus ist fast Kommunismus und das geht ja gar nicht.

Manifest Destiny, Sklaverei und Rassismus

Was mir immer wieder negativ mit den Amerikanern aufstößt ist ihre ständige Betonung von Freiheit („freedom“Smilie: ;), betiteln sich gar als freiestes Land der Welt (was nach ihrer Definition wirklich so ist, siehe das Kapitel über möglichst wenig Reg(ul)ierung – Freiheit ist, wenn die Selbstbestimmung am größten und die Unterstützung [= Einschränkung] durch andere am geringsten ist). Freiheit bedeutet hier also viel. Insbesondere wenn es um die Freiheit von Menschen geht, ist es plötzlich aber wirklich ein sehr dehnbarer Begriff. Besser gesagt, es ist ein extrem undehbarer Begriff.

Die Freiheit von amerikanischen Amerikanern zählt am meisten. Indianer, Spanier, Franzosen, egal wer da schon das Land der heutigen USA vorher in Besitz genommen hatte – laut Gottes Gebot sollen und dürfen nur amerikanische Amerikaner dieses Land besiedeln und wer nicht freiwillig ging, wurde entsprechend vermöbelt. Kurze Zeit später die Sklavenfrage. Millionen Afroamerikaner wurden auf amerikanischen Boden in die Sklaverei reingeboren, waren aber vom Gesetz her keine US-Bürger. Das änderte sich zwar mit dem Sieg der Vereinigten Staaten (Norden) von Amerika über die Konföderierten Staaten von Amerika (Süden) im Bürgerkrieg und dem Verbot von Sklaverei, hielt sich aber weitere hundert Jahre fest in den Köpfen, speziell in den Südstaaten. Rassentrennung und systematische Diskriminierung wurden formaljuristisch Mitte der 60re Jahre abgeschafft, aber Amerika gibt auch heute noch in vielen Teilen ein rassistisches Bild von sich.

Wenn man Quoten an Unis einführen muss, damit ein gewisser Prozentsatz Schwarzer studieren kann, dann zeugt das von Problemen auf vielen Ebenen. Zum Einen, dass die Schwarzen sich offensichtlich in einem direkten Duell mit Weißen was schulische Leistung angeht, nicht messen können, sodass sie mit einem anderen Standard gesehen werden müssen. Das liegt wiederum daran, dass viele Schwarze auf schlecht geförderte Schulen gehen müssen, weil sie in eine Gemeinschaft von nur Schwarzen gedrängt wurden, sei es durch Diskriminierung oder Armut. Das Bildungsniveau ist entsprechend niedriger, die Hoffnung auf gleiche Chancen ebenfalls. Zum Zweiten muss diese Quote existieren, damit diese Schwarzen mit Abschluss in höherrangige Berufe drängen. Das soziale Gefälle von Weiß zu Schwarz wäre sonst noch viel eklatanter, als es eh schon ist.

In diesem Problem dreht sich die USA im Kreis. Ja, es gibt noch rassistische Wurzeln in den USA, aber die sind meiner Meinung nach kleiner, als man glaubt. Umgedreht gibt es einen invertierten Rassismus. Die Schwarzen glauben, die Weißen wären rassistisch, sobald ihnen Unrecht (jeglicher Art) geschieht. Die Weißen sind entsprechend sensibel, weil sie nicht als rassistisch gelten wollen. Trotzdem wird es ihnen häufig unterstellt. Diese gewisse Anfeindung der Schwarzen gegenüber den Weißen führt wiederum natürlich zu einem Misstrauen auf Seiten der Weißen. Sie erwarten nicht mehr, dass man fair mit ihnen umgeht, weil die Schwarzen sich auf ihren invertierten Rassismus berufen und damit ebenfalls nicht fair mit den Weißen umgehen. Beide Seiten fürchten also unfaire Behandlung oder gar Ausschreitungen, wenn man sich miteinander umgibt. Dieses Misstrauen sieht von oben dann allerdings wieder wie Rassismus aus. Klar ist, durch diese tief verwurzelten, sozialen Probleme wird die Freiheit eines jeden kleiner. Man kann sich nicht immer frei bewegen, muss manche Gebiete jeweils meiden und die Furcht missverstanden zu werden ist so groß, dass man sich regelrecht zurückzieht.

Woher das Problem stammt, kann ich mir noch erklären. Meiner Meinung nach eben aus dem selektiven Freiheitsverständnis der Amerikaner. Die nach der Bürgerrechtsbewegung zwar sagen mussten: Ja, ihr Schwarzen habt jetzt gleiche Rechte auf dem Papier, das heißt für mich aber nicht, dass ich euch als gleichwertige Amerikaner ansehe. Die Schwarzen, die glaubten, es würde nun alles besser werden, warten seit 50 Jahren darauf und resignieren wohl langsam, dass Martin Luther King’s Traum jemals wahr werden wird. In dieser Spirale sind beide nun gefangen. Man kann nur hoffen, dass kommende Generationen sich von dieser Spirale lösen werden, indem sie von Kindheit an einen unbefangenen Umgang mit allen Hautfarben lernen und auch ihre Eltern das Misstrauen in die jeweils andere Hautfarbe nicht weiter befeuern. Wenn sich gleichzeitig die soziale Situation von Schwarzen entspannt, dann werden wir in 50-100 Jahren hoffentlich die Früchte sehen können.

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Hier geht’s zum 2. Teil →

Kategorie(n): Geschichte

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