Wie dieses Internet in Deutschland funktioniert

de Durch meine Arbeit bei einem DSL-Endkundenprovider habe ich mittlerweile 2 Sachen gelernt:

  1. die Infrastruktur des deutschen Internet-Leitungsnetzes ist kompliziert
  2. der Kunde scheint zu glauben, dass dieses Internet doch nur aus diesem kleinen Anschluss kommt, soviel Aufwand wird das schon nicht sein

Nun, so einfach ist es leider nicht. Der gemeine Deutsche sagt jetzt: Beim Strom klappts doch auch! Ich weiß nicht genau, wieso es da klappt, aber offensichtlich ist das mit so einer Kupferdoppelader (so heißt die Leitung, aus der dieses Internet kommt) halt nicht so einfach. Fangen wir vorne an:

  1. Während es beim Strom schätzungsweise so ist, dass jeder Zeit der Strom durch die vorgesehenen Leitung fließen kann und es unter den Strombetreibern lediglich eine Frage des Abrechnungszeitpunktes ist, ist das bei einer DSL-Leitung leider nicht so einfach. Eine DSL-Leitung kann und wird abgeschaltet, wenn sie nicht mehr benutzt wird. Ist sie einmal abgeschaltet, muss sie in aller Regel durch einen Techniker vor Ort wieder angeschaltet werden.
  2. Nun sagt der gewitzte Deutsche einfach „Mein Gott, schickt den Techniker doch einfach kurz fix raus und gut ist“. Jaaaa nun. Hier kommt ein weiteres infrastrukturelles Problem dazu: Die Disposition der DSL-Techniker (zu unterscheiden von den Kabel-Technikern der Kabelanbieter) geschieht durch einen magentafarbenen Riesen. Jetzt muss man sich einfach vorstellen, dass im Kern jeden Tag jeder DSL-Endkundenprovider Anfragen an diesen magentafarbenen Riesen stellt, dass sie gerne zu dieser und jener Adresse so schnell wie möglich einen Techniker schicken sollen. Dass eine solche Disposition nicht von eben auf gleich möglich ist, sollte da klar sein. Technikerressourcen müssen auf einige Zeit im Voraus reserviert werden. Und mit „einige Zeit“ meine ich „einige Zeit“!
  3. Der noch gewitztere Deutsche fragt nun: „Warum verwaltet denn bitte dieser magentafarbene Riese all die Techniker?“ Gute Frage, noch gewitzterer Deutscher! Das Leitungsnetz, also die physischen Leitungen, gehören auf dem letzten Teil (zwischen dem letzten Schaltkasten und dem Anschluss im Haus) immer dem magentafarbenen Riesen. Jede einzelne Kupferdoppeladerleitung! Wenn man sich eine dieser Leitungen für eine bestimmte Adresse nun als DSL-Endkundenprovider für einen Kunden reservieren möchte, landet diese Anfrage also am Ende immer bei der Telekom, die technisch prüft, ob die Leitung dort wirklich existiert, etc. Wenn das der Fall ist, kann sie auch feststellen, ob ein Techniker vor Ort raus muss oder ob die Leitung per Fernschaltung angeschaltet werden kann. Weil diese Tatsache des Leitungsweges einfach unumgänglich ist, geht auch kein Weg um die Disposition der Techniker durch eben jenen magentafarbenen Riesen herum.
  4. Während der magentafarbene Riese den wirklich letzten Teil der Leitung verwaltet, wird der Teil davor durch verschiedene Teilnehmernetzbetreiber verwaltet. Diese Betreiber sind auch die, die von einem Endkundenprovider die Anfrage bekommen, dass dieser gerne eine Leitung für einen Endkunden mieten möchte. Dieser Teilnehmernetzbetreiber ist grundsätzlich für die gesamte Leitung verantwortlich, aber für die Instandsetzung des letzten Teils muss dieser immer auf die Ressourcen des magentafarbenen Riesens zugreifen.
  5. Beim Strom kann es sein, dass man sich selbstverschuldet in die Steinzeit versetzt, weil man einen Kurzschluss hat. Das lässt sich meist schnell selber beheben und man hat sofort wieder all die Vorzüge der Zivilisation. Alternativ hat der Strombetreiber ein Problem und ein ganzes Stromnetz fliegt raus. Mit wenigen Ausnahmen ist ein solches Problem durch den Betreiber binnen weniger Stunden behoben. Beim DSL kann es sein, dass eine einzelne Leitung ohne erkennbaren Grund von heute auf morgen gestört ist. Das hat irgendwelche physikalischen Gründe, die ich nicht verstehe, aber weder kann der Kunde selber etwas daran machen, noch kann der Endkundenprovider (der ja quasi nur die Leitung für den Kunden bestellt hat) in den meisten Fällen etwas machen. Hier muss wieder der Teilnehmernetzbetreiber oder der magentafarbene Rieses ran. Manchmal geht das aus der Ferne, nicht selten muss auch hier ein Techniker anreisen. Und das Problem dieser Disposition habe ich ja schon erläutert.

Die Kette an beteiligten Parteien bei einer Bereitstellung einer DSL-Leitung sieht also folgendermaßen aus:

Kunden → DSL-Endkundenprovider → Teilnehmernetzbetreiber → Magentariese

Generell lässt sich sagen, dass eine Bereitstellung innerhalb von 3 Wochen schon optimal ist und schneller kaum geht. Sollte es zu jeglichen kaufmännischen oder technischen Fehlern kommen, sind es schnell 4-5 Wochen. Warum das so lange dauert, erklärt sich eben in der Abhängigkeit des einen Teilnehmers zum anderen und dadurch, dass der letzte Teilnehmer, von dem alle abhängig sind, im Grunde genommen Anfragen von hunderten Endkundenprovidern pro Tag verwaltet. Da hilft nur eines:

  1. Im Falle eines Umzugs: Umzug des DSL-Vertrages früh genug beantragen (4-5 Wochen vor Einzug)
  2. Im Falle des Wechsels des DSL-Anbieters: früh genug beim neuen Anbieter bestellen (dazu gibt es einen extra Artikel, der sich mit dem DSL-Anbieterwechsel beschäftigt)
Kategorie(n): Telekommunikation

2 Antworten auf Wie dieses Internet in Deutschland funktioniert

  1. und mir als Kunde ist das Geschwätz total egal. Wenn ich meinem Anbieter Geld zahle ab einem bestimmtem Zeitpunkt hat er dafür zu sorgen das ab dem Zeitpunkt das Internet funktioniert. Ob da jetzt der DSL-Endkundenprovider oder der Teilnehmernetzbetreiber oder der Magentariese ist mir scheißegal da mein Endkundenprovider derjenige ist der die Kohle einstreicht.
    Ich kann es mittlerweile echt nimmer hören da hat man mittlerweile ne Kette die aus x-Teilnehmern besteht und wenn was nicht klappt wird die Schuld von Rechts nach Links geschoben und der Kunde ist trotzdem der Depp und darf zahlen auch wenn nix geht.

      Silvia Kerner sagt:

      Das kann man als Kunde schon erwarten, aber die technischen Voraussetzungen sind und bleiben eine andere Sache.

      Trotzdem kann und darf es auf keinen Fall sein, dass du für Internet bezahlst, was dir noch nicht bereitgestellt wurde. Selbst wenn nach Schaltung eine Störung hast und du per se das Internet nicht nutzen kannst, dann kannst bzw. solltest du eine Gutschrift über den Zeitraum erhalten (ohne sich zu beschweren, kriegt man die in aller Regel aber nicht). Auf jeden Fall solltest du nicht für eine nicht erhaltene Leistung zahlen. Und wenn du erst ab Leistungserbringung bezahlst, und die Leistungserbringung nach deinem Wunsch-Schaltungstermin liegt, dann ist das unglücklich, aber dein Wunschtermin ist halt ein Wunsch und kann und wird niemals garantiert werden können.

      Ich kann auch nicht zu einer Autowerkstatt gehen und sagen: Bitte innerhalb der nächsten 5 Minuten alle 4 Reifen wechseln. Es gibt Kunden, die waren schon vorher da und haben einen Termin und selbst wenn die Kunden nicht schon angemeldet wären, dann ist es trotzdem unmöglich 4 Reifen innerhalb von 5 Minuten zu wechseln. In der Zeit kriegt man vielleicht 1 oder 2 Reifen hin, damit kannst du aber nicht fahren. Ich will vielleicht auch gerne um 23Uhr im Supermarkt einkaufen gehen, geht aber nicht, weil der nunmal zu hat.

      Es gibt so ein paar Sachen, da kann man sich noch so sehr wünschen, dass es anders laufen sollte (und glaub mir, die DSL-Endkundenprovider, so wie alle anderen Marktteilnehmer sind da an vorderster Front), aber es ist faktisch, technisch und systemisch unmöglich dies zu ändern.

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